Die größte WM aller Zeiten – Fluch oder Segen?
48 Teams, 104 Spiele: Die WM 2026 sprengt alle Dimensionen. Christoph Stamm von SMN erklärt, was das für TV, Vermarktung und Entertainment bedeutet.

Christoph Stamm
Senior Director Content
48 Mannschaften, 104 Spiele – war das für dich zunächst eher Fluch oder Segen?
Ich war anfangs eher skeptisch. Meine Sorge war, dass die sportliche Qualität unter der Ausweitung leiden könnte – durch die höhere Zahl an Spielen und mehr Teams, die auf dem Papier nicht zu den etablierten Fußballnationen gehören.
Im Verlauf des Turniers hat sich meine Sicht aber deutlich verändert. Gerade diese größere Vielfalt hat die WM bereichert: Mehr Nationen wurden eingebunden, das Turnier wurde noch globaler, und wir konnten sehr unterschiedliche Fußballkulturen und Spielweisen erleben. Das hat dem Wettbewerb aus meiner Sicht mehr gegeben als genommen.
Auch aus Lizenz- und Vermarktungsperspektive ist das neue Format spannend. Mehr Spiele bedeuten mehr Content, mehr relevante Kontaktpunkte mit den Fans und damit zusätzliche Vermarktungs- und Erlöspotenziale. Das gilt weltweit, aber genauso für unseren Kernmarkt, die DACH-Region. Am Ende war die Erweiterung für mich deshalb klar ein Gewinn.
In der Wahrnehmung vieler hat MagentaTV gegenüber den Öffentlich-Rechtlichen deutlich aufgeholt. Wie siehst du das?
Früher waren die Öffentlich-Rechtlichen bei großen Turnieren nicht nur die wichtigsten Überträger, sondern mit ihren Experten auch zentrale Taktgeber der öffentlichen Debatte. Die digitalen Medien haben diese meinungsprägende Rolle bereits verändert.
Bei dieser WM ist MagentaTV nun ein weiterer großer Schritt gelungen. Mit Jürgen Klopp, Mats Hummels und Thomas Müller hatte der Sender ein Experten-Trio, das fundierte Analyse mit Persönlichkeit und hohem Unterhaltungswert verbunden hat. Gemeinsam mit einer starken Moderation – unter anderem durch Laura Wontorra – ist ein Format entstanden, das nicht nur sportlich eingeordnet, sondern regelmäßig auch die Themen und Headlines des Turniers geprägt hat.
Das ist ausdrücklich keine Abwertung der Öffentlich-Rechtlichen. Sie liefern seit Jahrzehnten ein journalistisch sehr starkes und verlässliches Turnierprogramm und haben auch bei dieser WM hohe Qualität geboten. MagentaTV hat aber gezeigt, wie sich dieses Niveau durch ein mutiges Line-up, klare Positionen und mehr Unterhaltung noch einmal erweitern lässt. Dadurch ist die Plattform in meiner Wahrnehmung bei Fußballfans deutlich relevanter geworden.
Auch andere Anbieter haben eigene Akzente gesetzt. BILD etwa mit Lothar Matthäus, der sachlich, meinungsstark und klar genug ist, um Debatten anzustoßen. Genau das brauchen journalistische Angebote: keine künstliche Zuspitzung, aber begründete Positionen, über die gesprochen wird.
Diese WM hat dafür außergewöhnlich viel Stoff geliefert – von den Geschichten rund um die Top-Torjäger bis zu den vielen Themen abseits des Platzes. Die Dichte an relevanten Headlines war für mich so hoch wie bei kaum einer WM der vergangenen 20 Jahre.
Das Produkt WM ist insgesamt entertainiger geworden – woran machst du das fest?
Bei dieser WM gab es im Vergleich zu den Vorjahren deutliche Veränderungen, zum Beispiel deutlich aufwendigere Pre-Match-Shows mit internationalen Musikacts sowie eine stärkere Inszenierung durch LED-Elemente und Entertainment-Einlagen rund um die Spiele.
Am deutlichsten wurde dieser Trend aber beim Finale: Dort gab es erstmals eine sehr lange und umfangreiche Halbzeitshow, die stark an den Super Bowl erinnert hat. Mit zahlreichen internationalen Stars, unter anderem Justin Bieber und Madonna, wurde das Finale zu einem Entertainment-Event auf einem neuen Niveau. Das war ohne Frage sehr beeindruckend inszeniert und deutlich größer aufgezogen als man es bislang von einer Fußball-WM kennt.
Ob man das gut finden muss, ist eine andere Frage. Unterhaltsam war es definitiv. Gleichzeitig hat die lange Show aus meiner Sicht aber auch den Rhythmus des Finals etwas beeinträchtigt.
Die Trinkpause wurde von vielen Fans kontrovers diskutiert. Wie siehst du sie?
Ich kann die Diskussion gut nachvollziehen, weil die Trinkpause den Rhythmus des Spiels verändert und aus den zwei Halbzeiten faktisch vier Spielabschnitte macht. Da liegt der Gedanke an eine Amerikanisierung nahe, weil solche festen Unterbrechungen im US-Sport seit Langem üblich sind. Gleichzeitig entsteht dadurch natürlich eine zusätzliche, klar planbare Werbepause.
Aus Vermarktungssicht ist das hochattraktiv: Werbetreibende erreichen die Zuschauer in einem Moment, in dem die Aufmerksamkeit für das Spiel besonders hoch ist. Für Plattformen und Rechtehalter – und damit auch für die FIFA – eröffnet das zusätzliche Monetarisierungsmöglichkeiten.
Als Fan hat mich die Unterbrechung weniger gestört, als ich zunächst erwartet hatte. Ich fand vor allem den taktischen Aspekt interessant: Die Trainer konnten ihre Mannschaften kurz neu einstellen, und bei einigen Spielen war danach tatsächlich eine Veränderung zu erkennen. Deshalb bin ich nicht grundsätzlich gegen die Trinkpause.
Schwierig finde ich allerdings die Bezeichnung und eine pauschale Anwendung, wenn die klimatischen Bedingungen eine solche Pause eigentlich gar nicht erfordern. Für mich bleibt es deshalb eine 50:50-Frage. Gestört hat sie mich nicht, aber ich bin noch nicht überzeugt, dass sie künftig bei jedem Spiel zum festen Standard werden sollte.
Creator sind seit Jahren wichtige Reichweitentreiber für Marken und Wettbewerbe. Bei dieser WM haben sowohl die FIFA als auch DAZN eigene Creator-Programme aufgelegt. Wie hast du das wahrgenommen?
Ich halte das grundsätzlich für den richtigen Weg. Die Creator Economy entwickelt sich längst von einem ergänzenden Marketingkanal zu einem eigenständigen Teil der Sportmedienlandschaft. In der Aufmerksamkeit der Nutzer tritt sie teilweise bereits in Konkurrenz zu klassischen Rechtehaltern und Medienmarken und wird gleichzeitig immer stärker in deren Content-, Rechte- und Distributionsmodelle integriert.
Cool fand ich beispielsweise, dass der weltweit bekannte Creator IShowSpeed sogar Teil der Finalinszenierung war und in der Pre-Show aufgetreten ist. Das hat mich persönlich sehr unterhalten. Gleichzeitig zeigt es, wie konsequent die enorme Reichweite solcher Influencer mittlerweile genutzt wird, um ein globales Sportereignis noch populärer zu machen, insbesondere bei Zielgruppen, die einen Großteil ihrer Mediennutzung auf Social-Media-Plattformen verlagert haben.
Spannend war auch zu beobachten, wie stark sein Content rund um das Finale nachgefragt wurde. Teilweise verfolgten mehrere Hunderttausend bis über eine Million Zuschauer und mehr seine Livestreams gleichzeitig. Das zeigt, dass ein großer Teil der Fans Sportereignisse heute nicht mehr ausschließlich über klassische TV-Übertragungen konsumiert, sondern ergänzend durch Creator-Perspektiven begleitet wird.
Interessant fand ich zudem, dass Creator an mehreren Stellen einen sehr nahen Zugang zum Geschehen erhalten haben. Teilweise konnten sie direkt vom Spielfeldrand oder aus Bereichen berichten, die früher klassischen Medien vorbehalten waren. Daran sieht man, dass sich dieses Modell vermutlich in den kommenden Jahren weiterentwickeln wird.
Wettbewerbe und Rechtehalter werden sich dem Thema weiter öffnen müssen, weil Creator nicht nur zusätzliche Reichweite liefern, sondern für viele jüngere Nutzer mittlerweile ein zentraler Zugangspunkt zum Sport geworden sind. Entscheidend bleibt dabei, dass sie ausreichend Freiheiten und authentische Einblicke erhalten. Genau darin liegt ihr Wert für Fans, Plattformen und Wettbewerbe.

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